Anblicke, sag ich Dir, Anblicke
Herzbergfestival bei Schrecksbach (19. Juli 1999)
Von Ulrich Holbein
Das Satina-sept-Sparkassendressing bürgerlicher Borniwelt verhalf mir noch
nie so recht zu meiner Identität. Bei mir hing immer irgendwo ein Hemd raus,
weshalb ich identitätsmäßig eher der Popjugend zugeordnet wurde als den
Leuten aus Balkonien und Normalistan. Nicht umsonst trug ich schon mit 16
erst den Titel Edelgammler, dann Hilfsjesus. Doch kam meine diesbezügliche
Identität ziemlich ins Schleudern angesichts meiner Tendenz, eher an
Barockkonzerten mich gesittet zu delektieren als mich mit Rock zuzudröhnen.
Denn wozu soll Wüstensohn Dschieses sich eine Bachkantate reinziehn (unter
Stabführung von Hans-Martin Ziegler)? So wenig in Frage kommend mir mein
goldbebrillt wohlgescheiteltes Brüderchen dünkte und so sehr mir Eberhard
Holbein mit seiner Oboe am Leben vorbeizutröten schien, so wenig mochte ich
mit all den Freak-Visagen, mit denen ich einzig Matte und Bart teilte, mich
an möglichst einheitlich ungeteilter Identität freuen. Ich trieb also
Mimikry, wandele bis heute optisch als durchaus stilechter
Schlabberlook-Alt-Hippie durch die kurzgeschorene Welt grau in grau getönter
Bartfreiheit, weise aber von den drei Hauptattributen jeden Popfreaks ? Pop,
Drogen, Sex ? mindestens zwei davon fast überhaupt nicht auf: Rockkonzerte,
auf die ich so zwischen 1968 und 70 ging, waren für meine zarten Gehörzellen
viel zu laut, und Haschisch hätt? ich mir zwar gern gefallen lassen, als
Nichtraucher begann ich aber auch beim geringsten Zug am Joint
hochallergisch zu husten. Schon von meiner Identität her war ich ich
offenbar einfach nicht so recht born to be wild. Ich hörte halt lieber Viola
als Schlagzeug, und statt Iron Butterfly? Claude Debussy. So verstrichen
zwei, drei Jahrzehnte. Irgendwo zuckte ich auch mal probeweise auf einer
Highdelberger Tekkno-Party herum, als Ekstaseforscher mit Mappe unterm Arm,
Ohropax im Gehörgang und sardonischem Grinsen über Ekstasy- Typen, die beim
authentischen Ausflippen zwar die Augen zumachten, aber die Brille
aufbehielten. Irgendwann merkte ich, daß ich etliche Flowerpower-Scheiben
zwischen ?67 und ?72 doch recht ausführlich wiedererkannte, ja, komplett
intus hatte. Es war alles in mich eingesickert, von Joe Cocker bis Eric
Clapton; nostalgisch sehnte ich mich zurück, als sei exakt in jenen
nebulösen Urzeiten meine Identität (oder sowas) angesiedelt gewesen. Ich
begann daran zu leiden, daß die rasierten Hinterköpfe des Punk mir nicht so
schön und Ravi Shankar-kompatibel vorkamen wie die Künstlermähnen der allzu
schnell normalisierten und hinweggealterten Hippies. So begab ich mich 1999
auf einen der apokryphen Aufgüsse des unendlich legendären Herzbergfestivals
von 1972. Obwohl Werner Pieper mich vorgewarnt hatte, daß man da nur noch
ausgehöhlte Quasi- und Pseudo-Rumpfformationen ehemaliger Superstars zu
hören bekomme, die bei restlos ausgetauschter Mannschaft sich unberechtigt
an groß gewesene Namen klammerten (er drückte das etwas anders aus ? siehe
sein Buch »Maximum Respekt«). Ich aber ging ja sowieso nur wegen visueller,
atmosphärischer, retrospektiver und ethnologischer Aspekte dorthin; die
akustischen nahm ich hierfür in Kauf. Das Festival ging tagelang. Mein
letztes Rockfestival wurde hierbei schier mein erstes. Denn damals, mit
fuffzehn, hatte ich zwar in pubertärer Dumpfheit im Geröhr von »Pretty
Lisa« gehockt (Stadthalle Kassel), jetzt aber, in überständigem Alter, mit
ranzigen 46, waren mir durchaus zuständig zu nennende Ohren gewachsen, so
daß mir alles so sehenswert, ja vielleicht gar hörenswert vorkam wie am nie
dagewesenen ersten Tag, durchtränkt von heillos verspäteter Nachreife, aber
umflort von den Debüt-Schaudern fast verpaßter Grünschnäbeligkeit und
Jungfernschaft. Nächstentags schrieb ich meinem Jugendfreund (und immerhin
total dezidierten Rockfan und -kenner!) Herbert Müller einen
Erlebnis-Bericht meiner Herzberg-Ausfahrt:
20. 7. 1999
Lieber Sommerbert,
geh ich recht in der Annahme, daß Du zwar nicht so sehr in einer
selbstgehobelten Sommervotze steckst als doch irgendwie in einem Sommerloch?
Meld mir doch mal etwas über den Zugewinn an Schornstein und Wespen?
(Wieviel Trinkgeld gabst Du?) Und an Glück. Ebendieses wollt ich neulich
steigern, hatte die Finger wiederholt am Apparat, nämlich eine
Eintrittskarte fürs Herzbergfestival und für Dich, im Wert von 85,- DM, 25
km entfernt von Aua. Hinten bei Schrecksbach. Viertägig. Ich war einen Tag
lang da, mit Manfred, Doris und Ninja. Ninja, 16, mit Glitzersternchen im
Gesicht und Nasenring. Open Air, auf einer Fläche, größer als ganz Homberg
an der Efze. X Quadratkilometer füllend, ein Labyrinth aus Zelten, PKWs,
Wohnmobilen, Lagerfeuern ? Freak City. Ich hatte gar nicht gewußt (und Du?),
daß es überhaupt noch einen Hippie gibt. Hätte alle Mohikaner seit
Jahrzehnten unauffindbar bis unkenntlich aufgegangen in der Punkbewegung
vermutet. Es gab aber noch Tausende, nämlich 40.000, horizontfüllend, gut
eingezäunt, und alle sahen genauso aus wie in den 70er Jahren. Nicht
verwässert, sondern schier echter als damals. Wie ja auch Maurice Ravel
spanischere Musik schrieb als alle Spanier. Ein riesiges ultimatives
fehldatiertes Comeback langer Haare, Henna, Bärte, indischen Schmucks, das
Ineinander diverser konträrer Zeiten und Zonen und Ungleichzeitigkeiten ?
das Jahr ?99 (inklusive ein Prozentsatz Love Parade) war allenfalls zu
erkennen an allerlei Piercing in Lippe, Nase, Nabel und dreadlocks ?
Rastazopfgefizzel, statt Stirnbänder. Anblicke, sag ich Dir, Anblicke.
Sodann hörte und sah ich lebende Legenden, Iron Butterfly,
jawoll: »In-A-Gadda-Da-Vida« ? live! Ich! Wahnsinn. Sie zogen das noch
länger. Nur, waren die 60 oder 30? Von unserem Platz aus ununterscheidbar.
Denn Manfred hatte unsere Sonnenschirme (dadurch entstand Freibad-Atmo) ca.
300 m vor einer der Hauptbühnen entfernt aufgestellt, in weiser Voraussicht
höllisch aufgedrehter Dezibels. Auch Eric Burdon and the New Animals
spielten da, worauf ich besonders gespannt war; denn »Ring Of Fire« war doch
bekanntlich jener Titel, bei dem ich erstmals küßte, Tanzcafé Lückert, April
69, Christiane. Bei »Burn, burn, burn« and so on. Ou yes. Auch Magma
spielte, von denen Doris allerdings meinte, das wäre nicht ihre Musik ?
während ich Magma eigentlich irre cool fand. Irgendwo saß eine im 9. Monat
und ließ sich die freigelegte Wampe tätowieren (oder wenigstens bemalen).
Überhaupt war die Titten- und Gesäßquote wieder mal enorm, Hersfeld neulich
nichts dagegen. Mein Hormonspiegel schwappte über mein angejahrtes Gebein
hinaus. In der Herzbergzeitung »Seid bescheiden ? fordert das Unmögliche!«
berichteten vorndrin Kalle Becker und andere Veranstalter: "Wir haben den
ganzen Winter über in Gerichtssälen und Behörden verbracht, damit ihr in
diesem Sommer, wie in den vorausgegangenen 7 Jahren, Spaß habt, Musik hören
und in der freien Natur bumsen könnt. Dieses Land ist in der Tat pervers
geworden."
Irgendwo unterhielt ich mich angeregt mit einem Mädchen über die doch
ziemlich häufigen Entzündungen beim Einstechen eines Nasenrings. Etliche
liefen nackt (ich z. B. barfuß), gehüllt in Duftwolken, zwischen
Wasserpfeifen-Ständen (»Hier gibt es kein Haschisch! Wir wissen auch nicht,
wo es welches gibt!«), Jeans & Chaps, Buddhapüppchen, Goa food, Elsässer
Flammkuchen, Space Cakes, Biedis, Kindern mit Wasserpistolen, Negern mit
weißen Eskimohunden ? Generäle sämtlicher Länder verpißt euch! Don?t walk on
grass. Smoke it. Wenn zwischen Seidenhemden und Didgeridoos ein Spiegel
aufblitzte, sah ich als Gegenprogramm ein rotverbeultes Schwitzgesicht
(meins), über das ich bei Erstbegegnung beleidigt hinweggekotzt hätte. Was
aber keinen störte, sondern das jeder gern anlachte und duzte. What a great
family, jippiejääh! Zwischendurch auch mal, mitten im 40°-Peace, einige der
350 stiernackigen Security-Boys mit Schurschnitt in schwarzen
Totenkopf-shirts. Hier und da fanden ungehindert 12 Turban-Trommler zusammen
und 2 Bauchtänzerinnen, plus Bambus-Saxophon, und dröhnten sich bei
wiegenden Hüften in buchenswerte Ekstase. Einer von denen war lang in
Afghanistan (also ein Mehr-als-Original-Zitat von 1972), zeigte mir, wie man
Turbane knotet und warnte mich davor, im Orient grüne Turbane zu tragen.
Immer wenn The Supremes, The Flowerkings, Ringsgwandl, Hank Shizzoe oder Taj
Mahal pausierten, hatten die elektrisch unverstärkten Hare
Krishna-Trommel-Crews ihr Lückenbüßer-Viertelstündchen, priesen lachend
ihren Gurugott, mit fettem, Martin-Reuter-ähnlichem Schwabbelmönch als
Vorsänger und Pilotstampfer.
In summa: Sämtliche Rockfestivals von damals waren nur begrenzte Vorstüfchen
und Generalpröbchen vor diesem neuerlich auflebenden Moloch Herzberg.
Woodstock usw. verregnet ? hier aber schönste Julihitze. Warteschlangen vor
Feuerwehrtanks mit Trinkwasser. Ich kippte aus schwabbelnder Fußballhälfte
Tankwasser über meine heiße Birne. Integrierte Abenteuerspielplätze. Ein
Kuriosum für sich: Irgendeine Tabakfirma warb fürs Qualmen. Man konnte dort
kostenlos Zigaretten schnorren, von hellblau uniformierten Fachkräften
hinter hellblauen Theken, und mit denen beim Qualmen ein wenig hellblaues
Überbrückungs-Roulette spielen. Über die mobilen Sanitärsysteme,
Endlosketten aus hellblau steril stinkenden telefonzellenförmigen
Klohäuschen, mußte man halt irgendwie hinwegriechen, und über die
verschissenen Waldränder, wo an jedem Baum ein Homo erectus pißte und ich
jeden Busch streng ansah, ob nicht in ihm ein freigelegter Arsch sichtbar
werden wollte.
Der größte Moment! Alle folgten der Parole: »Wir zeigen dem Kosovokrieg den
Arsch!« ? Der größte Moment! Punkt 18 Uhr wurden 40.000 entblößte Gesäße in
Richtung Berlin gerichtet. Auch Doris? Gesäß wurde gen Berlin entblößt, und
Ninjas und des sympathischen Manfreds nun auch schon 62-jähriger Arsch ? und
genau diesen Moment verpaßte ich grausamerweise, da ich mich mal ohne Uhr
für zwei Stunden abgeseilt hatte, wegen Hitzschlag-Kopfweh ins entfernte
Waldesdunkel eintauchte, jenseits der Pißlinie, auf die Burg Herzberg
hinaufstieg, Himbeeren pflückte im kilometerweiten Gedröhn, tatsächlich
einen sonnenbesprenkelten, pitschenackten Rücken im Busch sah, der die Ohren
aufstellte und als eindeutiges Reh davonfloh.
Die New Animals waren übrigens für 23 Uhr angesagt. Dann aber war
Stromausfall ? die große Stunde für alle Handtrommler, die also sich sofort
wieder emsig hervortrommelnden Krishna-Jünger unter der Stabführung des
lachenden und schwabbelnden Martin Reuter. Die Eric Burdon-Fans wurden
vertröstet: »Der Eric ist da, der Eric wird auftreten, wir tun unser
möglichstes, ein neuer Aggregator ist unterwegs, geht solange noch ?ne Runde
bumsen.« Alle Stunde im Krishna-Getrommel eine Vertröstungsdurchsage. Um 3
hatten wir genug vom Warten auf Eric, fröstelten, wollten heim, fanden
irgendwie nicht raus aus Freak-City, marschierten mit Rucksäcken beladen,
unterm Halbmond über Köter stolpernd, durch qualmendes, trommelndes,
wühlendes Terrain wie durch Endzeit-Szenarien, wo man sich mit Restholz über
Wasser zu halten versucht, nach dem Day after, den halt doch noch 40.000
Fratzen zeitweise überlebten.
Nächstentags erfuhr ich: Er soll noch gekommen sein. Ich aber habe »Ring of
Fire« nicht hören können. Uberspiel es mir doch auf ein Bändchen, wenn Du so
lieb sein willst. Auf daß mich mein erster Kuß (auf der Umlaufbahn seines
Hinterherhinkens) irgendwann einholen möge.
Herzlich Dein Uli